Rasseentwicklung

Rassebezeichnung und Herkunft

Um die tatsächliche Bezeichnung dieser Rasse herrscht ziemliche Verwirrung. Die korrekte Rassebezeichnung lautet "Norwegisches Fjordpferd". Sie wird gerne mit "Norweger", "Fjord", "Fjordi", "Fjording" oder "Fjordpferd" abgekürzt.

Der Name verrät schon die Herkunft: Die Rasse stammt ursprünglich aus den westlichen Distrikten Norwegens, auch "Vestland" genannt. Die Landschaft dort ist geprägt von schroffen Bergen, in die die für Skandinavien typischen Fjorde tief einschneiden. Das ursprüngliche Fjordpferd entstand aus den Pferden der Wikinger, die auf ihren Raubzügen auch keltische (heute England und Irland) Pferde erbeuteten und mit ihren schon vorhandenen Pferden kreuzten. Die genaue "Rassemischung" von damals ist bis heute immer noch nicht entschlüsselt.

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Es besteht eine unübersehbare Ähnlichkeit mit den Przewalski Pferden, der letzten noch lebenden echten Wildpferdeart der Welt, die in der Mongolei heimisch ist.
Diese haben allerdings eine andere Chromosomenzahl und sind daher eine andere Spezies.

Przewalski (klick)

Die Ursprünglichkeit der Fjordpferde spiegelt sich in ihrer Färbung wieder, die - mit insgesamt 5 Schattierungen - mit Aalstrich und dunklen Zebrastreifen an den Beinen an die Zeichnung der Wildpferde und -esel erinnert.

 

Zuchtentwicklung

Als die Wikinger seßhaft wurden sorgten sie mit Landwirtschaft und Handel statt mit Raubzügen für ihren Lebensunterhalt. Deshalb setzten sie ihre Pferde im Ackerbau und zum Transport von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Handelsgütern über die Berge ein. Folglich züchteten sie Tiere, die über eine große Trittsicherheit, verbunden mit hoher Tragfähigkeit, verfügten.

Durch natürliche Selektion, wie zum Beispiel karges Futterangebot und menschliche Auswahl, entstand ein kleines, genügsames und robustes Gebirgsarbeitspferd.

 

Weitere Zuchtentwicklung

Im Zuge der wachsenden Landwirtschaft in Norwegen wurde vom Staat um ca.1820 auch die Fjordpferdezucht erfaßt und organisiert. Bis ca. 1876 wurden auch fremdrassige Pferde, überwiegend Dölepferde, eine ebenfalls in Norwegen heimische Kaltblutrasse, eingekreuzt, um die damals noch sehr kleinwüchsigen Fjordpferde (Stockmaß ca. 130 cm) größer und stärker zu züchten.

Die Mischlinge konnten jedoch in ihren charakterlichen Eigenschaften nicht überzeugen, weil sie oftmals schwierig im Umgang und wenig arbeitswillig waren.

Hakon 283 Deshalb wurde ab 1886 eine Rassebereinigung durchgeführt, indem alle nicht reinrassigen Pferde von der Weiterzucht ausgeschlossen wurden. Seitdem wird das Fjordpferd in Norwegen "rein" gezogen, d.h. es wird kein Fremdblut mehr eingekreuzt. Verbesserungen wurden durch konsequente Selektion innerhalb der Rasse erreicht.
HÅKON 283 (*1902)(klick)

Ungefähr ab den 1960er Jahren wurde das Fjordpferd, wie weltweit viele andere Rassen auch, durch die fortschreitende Technisierung der Landwirtschaft und des Transportwesens mehr und mehr verdrängt. Folglich gingen die Bestandszahlen teilweise drastisch zurück.

In Norwegen ist der Reit- und Fahrsport auf Fjordpferden jedoch nicht sehr verbreitet. Die Zucht und Haltung von Fjordpferden liegt nach wie vor größtenteils in bäuerlicher Hand.

In einigen Gegenden wird noch traditionell mit den Fjordpferden Holz gerückt und Feldbau betrieben, weil in den unwegsamen Gebirgsgegenden Landmaschinen nicht gegen ihre trittsicheren 1-PS-Kollegen ankommen können!

Obwohl das Fjordpferd das norwegische Nationalsymbol ist, und viele Landbewohner aus Tradition ein bis mehrere Fjordis "hinter dem Haus" haben, sind die Bestandszahlen tendenziell rückläufig.



Stammlinien

Dem Betrachter von Fjordpferden springt eine Tatsache sofort ins Auge: Alle Fjordpferde sehen sich sehr ähnlich! In der Tat ist das Fjordpferd eine der wenigen Rassen, mit einem so einheitlichen Erscheinungsbild. Diese Ähnlichkeit ist darauf zurückzuführen, daß fast alle heute lebenden, reinrassigen Fjordpferde über ihre männlichen Vorfahren Nachkommen der drei Hauptlinienbegründer sind:

ØYARBLAKKEN N 819

ØYARBLAKKEN N 819 - mittelgroß, selbstbewußt, temperamentvoll, mit guten Linien und einem korrektem Fundament

HÅKON JARL N 645

HÅKON JARL N 645 - hübsch, typvoll mit hoher Aufrichtung, guten Linien und mit energischen Bewegungen

BERGFAST N 635

BERGFAST N 635 - relativ klein, aber mit guten Bewegungen und viel Behang.

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Diese drei Hengste stammen wiederum von NJÅL N 166 ab, der als Urvater der Reinzucht im Mutterland gilt.

 

Verbreitung, erste Importe, Zucht in Deutschland

In Deutschland wurden Fjordpferde erstmalig im Jahr 1883 auf einer Landwirtschaftsausstellung gezeigt. Sie sollten wirtschaftlicher sein als Kaltblüter. Das heißt: Mehr leisten und weniger fressen!

Der erste größere Import von 18 Pferden aus Norwegen fand im Jahre 1940 statt. In den Nachkriegsjahren stieg die Nachfrage nach genügsamen, starken Arbeitspferden enorm.

Da kriegsbedingt die Bestände einheimischer Pferde stark verringert waren und auf jeden Fjordhengst nur sehr wenige reinrassige Stuten kamen, wurden auch andersrassige Pferde und Ponies von den Fjordhengsten gedeckt. Diese Mischlinge wurden als Fjordpferde in die Zuchtbücher eingetragen.

Im Jahre 1954 faßte die "Arbeitsgemeinschaft der Pony- und Kleinpferdezüchter" den Beschluß, nur noch solche Stuten ins Stutbuch aufzunehmen, die auf der Mutterseite in drei Generationen die Anpaarung mit reinrassigen Fjordhengsten nachweisen konnten.

Nach und nach wurden verstärkt reinrassige Fjordpferde aus Norwegen und Dänemark, das zu dieser Zeit bereits über eine blühende Fjordpferdezucht verfügte, importiert. So kamen immer mehr reinrassige Stuten zum Zuchteinsatz und die Reinzucht setzte sich langsam durch, da auch die deutschen Kreuzungsprodukte - wie schon die norwegischen Gegenstücke - oft schwerwiegende Charakter- und Gebäudemängel aufwiesen.

Noch immer gehen einige in Deutschland gezogene Fjordpferde auf diese Kreuzungsprodukte früherer Zeit zurück.

Sie tragen, obgleich reichlich "verdünnt", die Gene andersrassiger Pferde in sich. Dieser Fremdblutanteil ist jedoch so gering, daß er züchterisch fast keine Rolle mehr spielt.

Auch hierzulande fielen leider fast alle Fjordpferde der Technisierung der Landwirtschaft zum Opfer. Erst nachdem die Freizeitreiter das anspruchslose, freundliche Fjordpferd für sich entdeckten,wurde dieser drastische Rückgang der Bestandszahlen gestoppt.

Der schwere Wirtschaftstyp konnte den steigenden Anforderungen an Beweglichkeit, Vielseitigkeit und Rittigkeit jedoch nicht lange standhalten. Also versuchte man, ein der Nachfrage entsprechendes Pferd zu züchten. Erneute Versuche mit Fremdbluteinkreuzungen schlugen - wie auch damals - total fehl.

Mit Reinzucht und sorgfältiger Selektion erreichte man schließlich das gesetzte Ziel.

Heute gibt es schon reingezogene Fjordpferde, die im Körperbau, der Qualität der Grundgangarten und der Leistungsfähigkeit einem Reitpony sehr nahe kommen. Leider fehlt diesen sehr leichten "Reittypen" oft die Ruhe und Gelassenheit, die für Fjordpferde so typisch ist. In letzter Zeit ist in der Zucht jedoch wieder ein Trend zurück in Richtung Originaltyp zu beobachten. Immer mehr Hengste aus dem Mutterland kommen in Deutschland zum Zuchteinsatz.

Heute ist das Fjordpferd fast weltweit verbreitet, der Bekanntheitsgrad steigt langsam, aber stetig.

 


 

Auszug aus dem Buch:

"Fjordpferde - irgendwie anders" von Christina Tietgen.
Mit Genehmigung des Bahruth-Verlages.